Die Chemiebranche in Deutschland steht unter massivem Druck. Chemiekonzerne wie BASF, Bayer und Covestro verlieren an Bedeutung auf dem Kapitalmarkt. Aktuell ist unter den 15 wertvollsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands kein Chemiekonzern mehr vertreten. Siemens und SAP führen dieses Ranking an, jeder mit einer Marktkapitalisierung von etwa 200 Milliarden Euro, während BASF mit 44 Milliarden Euro auf dem 16. Platz liegt. Dies ist ein drastischer Rückgang, denn 2015 rangierten BASF und Bayer noch unter den Top-Platzierungen mit Marktkapitalisierungen von 60 respektive 120 Milliarden Euro.
Die deutsche Chemie hat innerhalb der letzten zehn Jahre erheblich an Bedeutung verloren. Diese abnehmende Relevanz wird von den Unternehmen sowohl mit hohen Gaspreisen als auch mit externen Faktoreffekten in Verbindung gebracht, obwohl sich die Gaspreise mittlerweile wieder auf Vor-Kriegsniveau stabilisiert haben. Kostensenkungen sind das Hauptmittel der Branche, um die gegenwärtige Lage zu stabilisieren. BASF plant, bis Ende des Jahres 2,3 Milliarden Euro an Ausgaben zu sparen und bezieht 1,3 Milliarden Euro aus Bürgschaften für das Russland-Geschäft der Tochter Wintershall.
Marktentwicklungen und Unternehmensstrategien
Die Marktentwicklung ist ebenfalls durch die schwindende Nachfrage geprägt. Covestro hat seine Verluste weiter ausgeweitet und rechnet nicht mit einer Besserung bis 2026. Während BASF, der größte Chemiekonzern der Welt, von der globalen Industriekonjunktur stark abhängig ist, hat Bayer eine Jahresperformance von 44 Prozent und ein niedrigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis. Im Gegensatz zu BASF, dessen Aktien eine negative Tendenz zeigen, verzeichnet die Bayer-Aktie seit Jahresbeginn deutliche Zuwächse.
BASF setzt auf ein integriertes „Verbund“-System zur Effizienzsteigerung, während Bayer sich auf Gesundheit und Landwirtschaft konzentriert und durch die Übernahme von Monsanto führende Marktpositionen in der Agrarwirtschaft behauptet. Beide Unternehmen haben jedoch mit erheblichen rechtlichen Herausforderungen in den USA zu kämpfen, was als Risiko angesehen wird.
Branchensituation und Zukunftsausblick
Die Chemiebranche insgesamt hat mit strukturellen Herausforderungen zu kämpfen. Im Jahr 2023 sank der Umsatz um 13,7% und wird für 2024 mit einem weiteren Rückgang von 1,7% erwartet. Hohe Energiekosten, Bürokratie und schwache Inlandsnachfrage stellen weitere Hemmnisse dar. Die Kapazitätsauslastung wird für 2025 bei lediglich 71,7% prognostiziert, was den niedrigsten Stand seit 1991 darstellt.
Die deutsche Chemie und Pharmaindustrie ist zwar die drittgrößte Branche im Land, nach Fahrzeugbau und Maschinenbau, liegt jedoch im weltweiten Vergleich nur an dritter Stelle, hinter China und den USA. Rund 73 % der chemischen Produkte werden als Vorleistungsgüter für andere Industrien verkauft, wobei der Automobilsektor bedeutende Abnehmer ist.
Um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sind politische Lösungen notwendig. Branchenvertreter fordern wettbewerbsfähige Energiepreise, Bürokratieabbau sowie Anreize zur Investition und Fachkräftesicherung. In der grünen Chemie sieht die Branche Zukunftsperspektiven in Investitionen in grünen Wasserstoff, Recycling und biobasierte Rohstoffe.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die deutschen Chemiekonzerne vor einem Jahrzehnt noch stark aufgestellt waren, nun aber mit abnehmendem Einfluss und erheblichem Reformbedarf konfrontiert sind. Prognosen deuten darauf hin, dass bis Februar 2027 keine Chemiekonzerne mehr unter den 15 wertvollsten Unternehmen zu finden sein werden. Unternehmen wie BASF und Bayer müssen sich neu erfinden, um wieder an markante Positionen zurückzukehren.
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